Was man eben so macht in der Bahn

Er lächelte freundlich, ich lächelte aus Höflichkeit zurück, denn eigentlich war ich gerade nicht zu einem Gespräch aufgelegt. Irgendwie wusste ich aber, dass es unvermeidbar zu einem kommen würde. Er ging an den freien Plätzen neben mir vorbei, doch ich merkte wie er kurz zögerte und überlegte, ob er sich nicht doch direkt neben mich setzen sollte.
Er saß dann, denke ich, in Fahrtrichtung hinter mir… – ich konnte mich aber kaum umdrehen um nachzusehen, das hätte ein Gespräch ja geradezu provoziert.  Ich dachte weg, ich dachte an den schönen Nachmittag mit einem Freund, an den schönen Abend mit meinen Freunden & Co., der noch folgen würde aber immer wieder merkte ich, wie vermutlich sein Blick, irgendwo auf meinem Rücken spazieren ging. Ich machte mit mir selbst eine Wette aus, wie lange es wohl noch dauern würde bis er mir gegenüber saß. zwei, vielleicht drei Stationen, denn eine Bahnfahrt dauert ja auch nicht ewig, er würde sich beeilen müssen, wenn er noch ein ausgeprägtes Gespräch führen wollte.
Er stand auf. Ging an meinem Platz vorbei und sah sich den Fahrplan an der Decke an.
Komischer Kautz, da denkt er wohl es würde spontan aussehen wenn er ein bisschen den Fahrplan anstarrte und sich ganz zufällig dann einen anderen Sitzplatz aussuchte.
Ich wusste, dass er nicht aussteigen würde, das war ja nun von anfang an nicht sein Plan gewesen, doch ich wusste auch, dass er noch ein paar zwischenschritte – der coolen Spontanität halber – brauchen würde, bis er mir gegenüber sitzen würde.  Nach dem er den Plan fertig studiert hatte – obwohl er bestimmt kundiger Bahnfahrer war- setzte er sich auf die andere Seite des Zuges, schräg gegenüber von mir. Um meine Kopfwette zu gewinnen müsste das bedeuten, er würde innerhalb der nächsten Station noch einmal aufstehen und sich umsetzen. – Gewagte Kopfwette, aber es dauerte nur eine weitere Minute, in der ich eher wegen seiner Durchschaubarkeit grinste, als wegen seines charmanten Lächelns.

Der Vorteil daran, dass ich die Situation schon vor gut 10 Minuten durchschaut hatte war, dass ich alle möglichen Szenarien und Sprüche bereits durchgespielt und mich entschlossen hatte es ganz lässig auf mich zukommen zu lassen (Weglaufen hätte ich ja schlecht können). Als er saß begann ich das unmittelbar bevorstehende Gespräch mit den Worten „ Das hat ja lange gedauert“ was er mit einem „ Warum?“ hinterfragte.
„Naja waren ziemlich viele Zwischenschritte von da nach da nach da“ Ich deutete auf seine Sitzplätze.
„Schade ich dachte ich löse das jetzt erstmal ganz unauffällig indem ich etwas rum wandere“
Es hatte ihn doch verwundert, dass ich seinen gloreichen Plan durchschaut hatte. Was er allerdings noch nicht wusste war, dass ich eine gewisse Vorahnung seines restlichen Plans  hatte, was es mir erleichterte immer schön cool zu bleiben. – ein charmanter Netflix & Chill Typ hatte mir gerade noch gefehlt, wo ich doch einfach überhaupt nicht „Netflix&Chill“-freudig bin … Naja Die letzten paar Stationen würde ich wohl einfach zum Schnabelwetzen nutzen, auch nicht schlecht, man lernt immer dazu.
Nachdem mir auffiel, dass er Bewohner meiner Stadt war und ich ihm so wahrscheinlich immer mal wieder über den Weg laufen würde, stellte sich heraus, dass wir 2 Jahre auf der selben Schule verbracht hatten, ich 5te er 11te ich 6te er 12te.
„Was ist so dein Typ Mann“
– Das ist eine sehr gute Frage… ich weiß es ehrlichgesagt selbst nicht so genau.
Es war allerdings die Frage die wohl das beste ironische Gespräch seit sehr sehr langem hervorbrachte.
„Gleich so direkt ?“
„Ja nächste Woche ist doch schon die Hochzeit“
„Hätt ich vor Aufregung fast vergessen, wie viele Kinder willst du eigentlich“
„ Mein Kumpel macht den Trauzeugen. 5 oder 6“
„Ja kein Ding, gerne. 5 oder 6 – sportliches Ziel“
„ Bei 5 oder 6 muss man ziemlich bald anfangen“
„Hier und jetzt ? ;)“
„ Auf jeden Fall ;)“
[…]
„Ich war grad sowieso nur rumfahren, rumfahren um einige Mädels klar zu machen“
„Ach was, dann hatten wir gerade das gleiche vor“
„ Ja ich fahre eigentlich nur in die stadt zum Bahn fahren“
„ Du bist nicht der erste Kerl den ich in der Bahn kennen lerne, das machen vermutlich viele so“
Er klatschte mit seiner Hand auf meinen Oberschenkel und lachte.
Kurze Frage: Warum klatschen mir fremde Leute eigentlich immer auf den Oberschenkel? Ist mein Oberschenkel so unglaublich sexy, dass man dann egal wann, wo, wer, wie alt oder welcher Kontext, drauf hauen muss???
„ Klatscht du Mädels eigentlich immer auf den Oberschenkel?“
„Ne nur den süßen“
„Ich klatsche auch nur den süßen Mädels auf den Oberschenkel“ sagte ich und haute auf seinen Oberschenkel. – Das musste einfach sein.
„Ich dachte vor den 5-6 Kindern brauchst du ein Vorspiel“
„Hast recht, dieses auf den Oberschenkelgeklopfe bringt mich voll um den Verstand.“
[…]

Wir wussten beide, dass die Ernsthaftigkeit dieses Gesprächs bei unter 0,01% lag. Ich fand es für eine 20 minütige Bahnfahrt aber eine sehr interessante Entwicklung, Vor allem, da wir effektiv vielleicht 8min geredet hatten. Außerdem redeten wir noch über Babykätzchen, Bier, Basketball, wen ich kennen könnte den er auch kennt, Regen, Tee, Prostitution, Weltreise und Schule. Ja ich geb es zu um das alles unterzubekommen redeten wir auch ziemlich schnell, ich glaube nicht dass ein Außenstehender ein Wort verstanden hatte. Er lobte meine Schlagfertigkeit und mein Selbstbewusstsein.
Schließlich trennten sich unsere Wege und alles was blieb war ein sehr lustiges Gespräch in meinem Kopf.
Lustige Dinge passieren wenn man sich mal fallen lässt.

Lg
eure Melli

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Dreckig

Ob ich richtig dreckig sein könnte
… fragte er mich

Öhm ja klar … wieso sollte ich das nicht können ? Nichts leichter als das, vor allem, wenn man sich danach warm duschen kann, mit viel Seife …

So antwortete ich dann also offen und unbeschämt…

naja ich bin schon manchmal ziemlich dreckig ; )
– Meist wenn es regnet und ich auf nassem Laub ausrutsche ; ) Vor allem meine weiße Weste wird dann immer vom schlammigen Boden befleck.

Das kommt davon, wenn man mich Schwachsinn fragt ^^
Ach so seltsam diese Situationen auch manchmal sind, ich liebe es einfach, zu spüren wie manche Leute nach solchen Fragen peinlich berührt sind von sich selbst, hatten sie doch gedacht, ich spränge vielleicht mit auf den Zug ^^

Sein Glück, dass er mit einem Lachen antwortete und das Thema vergrub ;P

Liebe Grüße,
eure Melli

Vom Chancen ergreifen

Meine Finger rasten über die farbigen Flächen des Rubik’s cube während mad world durch meinen Kopf säuselte.
Wo ist der Sinn? Löse ich dieses Rätsel auf einer 24 minütigen Fahrt doch 20 mal auf gleiche Weise.
Wo ist der Sinn? Löse ich die Aufgaben dieses Lebens täglich auf gleiche Weise.

Wo ist der Sinn? Sitze ich doch täglich am selben Ort, wenn ich auch an einem anderen sein könnte.

Wo ist der …

„Hey“ Jemand tippt mich an, ich nehme hastig die Stöpsel heraus

„Wie bitte?“

„Can you solve it ?“ Er deutete auf den Würfel. Ein etwa 40 Jähriger Mann, mit des Lebens müden Zügen im Gesicht, einen alten Rucksack auf seinem Schoß, einer verknitterten Hose und heruntergekommenen Schuhen. (Natürlich führt sich der Dialog auf Englisch weiter, ich erzähle ihn sinngemäß, der Einfachheit halber auf Deutsch.)
“ Ja in etwa einer Minute“

“ Wow, du kannst jede Reihe neu aussuchen, wie du ihn löst … könnte ich auch gerne“

„Naja man geht schon nach einem System vor, aber grundsätzlich – ja  die Stücke die man verschiebt scheinen nie die gleichen zu sein“

“ Es ist wie das Leben“

“ Es ist wie das Leben?“

Er  lächelte … ich lächelte…

“ Im Leben hast du immer die Wahl. Du kannst immer daraus machen, was du willst

“ Du hast Recht, manchmal steht uns nur etwas im Weg, banale Dinge“

“ Du darfst sie nicht zu deinen Problemen machen, mach sie zu deinen Hürden und gestalte dein Leben wie du es willst“

Ungläubig sah ich ihn an, nicht weil ich seine Worte nicht verstand, nicht weil ich seine Worte nicht vollkommen unterschreiben würde, sondern weil es einem Wunder glich … Ich fragte mich gerade eindringlich nach dem Sinn des Systems, da setzt sich einer neben mich, der mir erklärt worauf es ankommt. Gänsehaut lief mir über den Rücken.

„Ich wohne zum Beispiel nirgends. Ich wohne überall. nur weil ich nicht bleiben wollte wo ich sesshaft wurde. Wie ist das bei dir?“

„Ich wohne noch zuhause… aber ich möchte mein ganzes Leben in Bayern bleiben …das ist meine Heimat und nach jeder Reise möchte ich hier her zurückkommen.“

„Es ist schön einen Ort zu haben an den man zurück kann… aber  denke nie, dass dich Orte aufhalten, denn zu deinem Zuhause kannst du immer zurückkehren, egal wie lange du weg bist.“
[…]

Wir redeten noch einiges, er hatte Jahre lang behinderte Kinder gepflegt, war dann Altenpfleger geworden und hatte viel von seinen Eindrücken erzählt. Ich hatte ihm erzählt, dass ich Ärztin werden wolle, dies in Deutschland aber schwer sei.
Als sich unsere Wege am Marienplatz trennten, wusste ich, dass dieser Mann, dessen Namen ich nicht kenne mein Leben geprägt hatte

“ Habe einen schönen Tag und vergiss nie, dass du das Zeug dazu hast alles zu sein was Du willst.“
Ich verspreche… ich werde es nicht vergessen, auch wenn es manchmal schwer ist…

Manchmal passieren Dinge, die nicht mehr mit Rationalität zu begründen sind … Dinge die so Irrational sind, dass ich ein wenig mehr beginne an den Zufall zu glauben. An Menschen, die wollen, dass du deinen Weg gehst. An Menschen, die wissen, dass du hin und wieder einen Anstoß brauchst, eine Ermutigung.
Wenn man schon so weit gegangen ist und manchmal der Verzweiflung nahe, anfängt die eigene Macht zu hinterfragen, dann gibt einem das Wort eines Fremden so viel mehr als (fast) jedes „schaffst du schon“ von dich liebenden Leuten. Denn es kommt so unerwartet und doch so Zielgerichtet, als würde dich dieser Mensch schon immer kennen.

Wenn es Schutzengel gibt … dann war das meiner  …

Danke Fremder …

Danke

lg

Melli ;*

Optische Täuschung

Du siehst mich an aus deinen schwarzen, blau umrundeten Augen und denkst, es wäre ein leichtes Spiel.

Ich riche die frische Luft, ein wenig Perfum, dich und eine Note kalten Rauches. Ich blicke zurück und überlege, wie leicht ich das Spiel gestalte, oder ob ich es überhaupt spielen will.
Naja es ist ein guter Tag .. warum nicht, aber spielen wir doch nach meinen Regeln und auf „expert modus“, wenn du denkst es wäre so leicht.
Du bist schön. Schon schön. Aber was kann ich mit schön schon anfangen? Schön ist schon ein nettes add on … aber kein Charakterzug.
– das weißt du nur nicht und öffnest den Mund.
Prüfend wandert mein Blick an deinen Mund, während du redest, als würde ich hoffen das gesprochene Wort zu vergessen und nur das von den Lippen gelesene zu sehen
„Nix gegen Kanacken, aber…“

Wenn ein Mann seine Sätze so beginnt, dann bekommt er in meiner „Wertung“ schonmal 0 Punkte für Themenwahl und 0 Punkte für Ausdruck …

Ein Schwall Rauch kommt mir entgegen, als du redest und du bemerkst nicht, wie ich angewiedert in mich hinein blicke.

“ Diese Vorstellung, sie hätte nen Harem, haha, dann wär sie ja der Kerl unter denen“

Oh .

GAME OVER
PLAY AGAIN ?

Ach ja, die Rolle eines Mannes ist es also einen Harem zu haben? und die einer Frau keinen zu haben?
– ok, wusste ich nicht, aber man lernt ja immer dazu *ironie off*
Ich lache. Leise. Laut genug , dass es dir auffällt.

Du merkst, du hast verloren.
Warum?

Weil du nicht wusstest, dass das Spiel schon begonnen hatte, bevor du mit Schmeicheleien bombadieren konntest …

Es wäre so viel leichter, wenn man nicht wüsste, was man finden könnte … es wäre einfacher, würde ich mir nicht schon Gedanken über Ausdrucksweise machen, bevor das erste Wort gesprochen wurde … es wäre einfacher, wenn Klugheit keine Rolle spielen würde, denn dann wäre die Auswahl um einiges größer, und einfacher wäre es, nicht auf letztes Mal einen drauflegen zu wollen 😉

Am einfachsten wäre es, wenn ich die Klugheit, die ich jeden Tag erlebe hier vorfinden würde …
Aber dann wäre es nicht mehr das Leben,
Dann wäre es ein Spiel
Und kein Witz mehr.

Liebe Grüße

Melli